Alles Bio oder was?

Früher war alles so einfach. Viele hatten einen eigenen Garten mit Gemüsebeet, wo sie selbst Kartoffel, Rüben, Radieschen und Co. anpflanzten. So mancher hielt sich dazu noch ein paar Enten, Gänse oder Hasen, die dann im Herbst geschlachtet wurden. Gut kann ich mich noch an die Wildenten erinnern, die wir zu Hause immer hatten. Dann wurde die Landwirtschaft immer mehr industrialisiert, ein Supermarkt nach dem anderen machte auf, Lebensmittel wurden immer billiger und immer weniger Menschen bauten selbst Gemüse an oder züchteten Getier. Dazu mußten immer mehr kleine Bauern Ihren Hof aufgeben, er war einfach zu unrentabel geworden. Nur noch die großen Landwirtschaften mit Massentierhaltung oder großen Feldern machten richtig Kohle. Das führte dann zur erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlinge, es wurden mehr Medikamente verabreicht und Felder gespritzt.

Eine Hand voll ökologisch angehauchten Menschen erkannte aber rechtzeitig, dass das der falsche Weg war und versuchten einen anderen Weg zu gehen. Es gab plötzlich diverse grüne Parteien und mit Bioland und demeter wurden Verbände gegründet, die mit ihren Siegeln zuverlässig für hohe biologische Qualität stehen. Zu Wackersdorfer Zeiten erlebte die Ökowelle ihren ersten Boom. Man kleidete sich entsprechend und die Schuhe von Birkenstock wurden zum Markenzeichen der Szene. Lange Zeit wurden die Ökos als Spinnerte angesehen. Ein Umdenken kam nur nach und nach in den Köpfen der Menschen an, bis dann irgendwann sogar eine grüne Partei an der Regierung beteiligt war.

Dank dem Bloggertreffen und dem damit verbunden Presseausweis für die BioFach konnte ich mir am Freitag ein Bild davon machen, wie die Bioszene heute aussieht. Zwar gibt es noch immer ein paar Birkenstockträger mit langen Haaren, aber der Anzug ist nun auch hier angekommen und wird vom Großteil getragen. Von den Idealisten ist nicht mehr viel übrig geblieben. Bei vielen, die Bio für sich entdeckt haben, zählt nur das Geschäft. Jeder, der das EU-Bio-Siegel hat, kann sich auf der Messe feiern und tut es auch ausgiebig. Sicherlich sind diese Lebensmittel gesünder als konvetionell produzierte. Ganz wohl ist mir aber nicht bei der Sache. Für mich gehören biologisch, ökologisch und nachhaltig zusammen. Das Ziel sollte eine biologische Erzeugung von Nahrung sein, die ohne große Transportwege beim Verbraucher ankommt. Im Idealfall kauft der Kunde seine Waren frisch im Hofladen ein. Wenn ich nun auf der Messe sehe, dass da Chinesen und Chilenen ausstellen und in den deutschen Markt wollen, bin ich recht skeptisch. Klar haben deren Produkte auch das Bio-Siegel, mal angenommen, die Vorgaben werden auch wirklich eingehalten. Wenn dann aber eine wochenlange Reise rund um die Welt folgt, wird das wohl nicht mehr so recht ökologisch sein. Bei Bionade am Stand war die Hölle los. Die Umsatzzahlen steigen ständig und die Produktionsgrundsätze sind vorbildlich. Aber ist es der richtige Weg, jetzt auch nach Japan und in die USA zu liefern? Ich habe ehrlich gesagt schon gewaltige Zweifel, warum man Mineralwasser aus Volvic oder aus San Pellegrino nach Bayern fahren muss. Aber Limonade um die ganze Welt zu transportieren macht für mich wirklich keinen Sinn.

Die EG-Öko-Verordnung bezieht sich nur auf die Herstellung der Biolebensmittel. Die Nachhaltigkeit wird hier gar nicht berücksichtigt. Dazu kommt dann für den Produzenten noch die Kosten der Zertifizierung, die sich für so manchen kleinen Bauern nicht rentiert. Mein Schwiegervater hat seit 15 Jahren einen eigenen Hof, den er als Hobby betreibt. 15-20 Stück Vieh in Mutterkuhhaltung laufen seitdem ständig auf der Wiese herum und wachsen ohne Kraftfutter auf. Alle sechs Wochen wird dann bei einem Metzger in der Nähe geschlachtet und das qualitativ sehr hochwertige Fleisch direkt vermarktet. Klar könnte er sich zertifizieren lassen, aber das würde sich nie lohnen.

Beim Bloggertreffen hat mir Herwig erzählt, dass für ihn eine Zertifizierung kaum möglich ist. Für eine Bio-Zertifizierung würde er FSC-zertifiziertes Holz brauchen. Nun gibt es aber in Bayern gerade mal 8 Forstbetriebe, die FSC-Holz liefern können. Natürlich ist davon keiner im Umkreis seiner Werkstatt. Seine Schreinerei arbeitet bekannterweise nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit und verwendet daher nur Holz aus der direkten Umgebung.

Auf was ich raus möchte: Die zertifizierten Produktel garantieren ein gewisses Maß an höherer Lebensmittelqualität. Oft steckt dahinter aber kein sonderlich ökologisches Konzept. Da macht es nach wie vor mehr Sinn, sich seinen Bauern, Metzger oder Müller des Vertrauens in der Nähe zu suchen. Auf dem Land gibt es die noch und sie sind es wert, unterstützt zu werden.

9 Gedanken zu „Alles Bio oder was?“

  1. Hallo,

    das gleiche ungute Gefühl beschleicht auch mich bei der aktuellen Biowelle. Da bin ich froh über „meinen“ Bauern, bei dem ich jedes Jahr Rindfleisch bekomme. Die Tiere bekommen eigenes Futter, sind den ganzen Sommer auf der Weide und werden direkt „nebenan“ geschlachtet. Das ist es mir wert, einmal im Jahr 1/8 Rind mit Freunden zusammen für die Truhe fertig zu machen und einzufrieren. Leider habe ich bei Geflügel noch keine so direkte Quelle gefunden, aber mir fliegt gewiß noch etwas zu…

  2. Übrigens auch kein Bio-Bauer…
    Aber den habe ich für vieles anderes noch in Petto – von ihm bekomme ich wöchentlich eine Biokiste. Und veredelte Produkte kaufe ich dann gerne von den „ersten“ Marken aus alter Zeit. Dort hat sich Bio eben mit einer ganz anderen Einstellung entwickelt. Dort zählt nicht nur Bio sondern üblicherweise auch ein soziales Miteinander… Denn bio ist nicht alles, was zählt 😉

  3. Du hast recht und Unrecht zugleich. Kauft Produkte der Saison, aus eurem direkten Umfeld ist der richtige Grundgedanke. Aber wir wollen ja das möglichst überall auf der Welt ökologische Produkte erzeugt werden. Das geht nur, wenn wir die auch aus armen Ländern kaufen. Die Hoffnung ist, das damit vor Ort ein Umweltbewusstsein erzeugt wird, das dann für die eigene Nahrung übernommen wird.

  4. Deinem Artikel kann ich nur zustimmen! Ich seh in der Biowelle in den Supermärkten aber auch die Gefahr, dass die Metzger, Bäcker, Müller und Bauern, also die „Direktvermarkter“, die wirklich ehrliche Produkte aus der Region verkaufen, mit ihren kleinen Läden darunter leiden. Sie werden sich behaupten müssen gegen die großen Biowerbefeldzüge der Discounter und gegen die Bequemlichkeit der Kunden. Ich kauf meine Lebensmitteln beim Bäcker, Metzger, Müller, Gemüsehändler.. meines Vertrauens ein und weiß, dass die Produkte aus der Region kommen. Nur, das ist zeitaufwendig, weil ich dabei bei meinem Wocheneinkauf zig Geschäfte abklappere und ganz schön unterwegs bin. Die wenigstens wollen das. Sie gehen in einen großen Discounter, der alles hat und oh wie schön….es gibt dort auch „Bioprodukte“. Ich frag, mich da oft, ob das wirklich alles „bio“ ist und der kleine „Direktvermarkter“ zieht dann wieder den kürzeren.
    Ja und der eigene Gemüsegarten. Wenn man einen hat wie ich, wird man oft ganz schön belächelt, ob man wohl noch so dumm ist und sich die Knochenarbeit antut. Aber ganz ehrlich gesagt, es lohnt sich, genauso wie der zeitaufwendige Einkauf. Man weiß, was man hat und es schmeckt besser.

    @Jochen: Ich weiß nicht, ob die Erzeugung ökologischer Produkte in anderen Ländern so enorm gesteigert wird, bloß weil wir Deutsche es wollen. Kontrollieren können´s wir alle nicht. Warten wir bis zum nächsten Skandal.

  5. Natürlich ist es richtig, die Produkte vor Ort zu kaufen. Gleichwohl muss ich dabei feststellen, dass wir uns das glücklicherweise auch leisten können. Die Preisunterschiede zu den Discountern sind frappierend. Die Qualität glücklicherweise auch. Dennoch kann ich verstehen, dass viele allein aus ökonomischen Gründen nicht den Metzger vor Ort, sondern den Discounter anstreben. Und das wird in den nächsten Jahren mit Sicherheit nicht besser, sondern weitaus schwieriger.

  6. Nachtrag: Dass Bio und gutes Geschäft gut zusammen passen, beweist seit vielen Jahren Jochen Voigt aus dem norddeutschen Syke (www.biovoigt.de). Gute Produkte, gutes Marketing, viel Einsatz, viel Arbeit. Klappt aber.

  7. Es ist immmer auch eine Frage von leisten wollen. Deutschland gibt anteilig am wenigsten für die Ernährung aus. Schau mal nach Frankreich oder nach Italien. Wohlhabender sind die Menschen da sicherlich nicht als bei uns. Trotzdem sind sie bereit, mehr für die Lebensmittel auszugeben.

  8. …wobei das „bereit sein“ damit zu tun hat, das die Preise einfach höher sind. Und wenn die Leute die Chance haben, etwas weniger zu bezahlen, wenn sie in Grenzregionen wohnen, dann tun sie das auch. Ich wohne im Rheintal am Bodensee – nach Deutschland und Österreich ist es nicht weit. Viele Schweizer aus der Region fahren nach Konstanz um dort Lebensmittel zu kaufen. Oder aber nach Österreich. Wobei die Österreicher wiederum in Deutschland einkaufen… und im Süden, z.B. Lugano finden sich jede Menge Italiener, die dann in der Schweiz kaufen, weil es (dank gutem Wechselkurs) billiger als bei sich ist.

    Alles ziemlich verrückt 😉

  9. wenn man in Deutschland wirklich Bio-Ware kaufen möchte, dann geht das eigentlich nur mit Demeter oder Bioland. Alle anderen Labels haben mit Bio, wie ich es vertehe, nicht viel zu tun.
    Da greife ich lieber zu deutschen konventionellen Karotten als zu französischen Bio´s

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