Andersdenkende

Jetzt überlege ich schon seit Tagen, ob ich mich nochmal über die Nabburger CSU und ihre Abstimmung auslassen soll. Der Rummel war gewaltig und sicherlich war ich wohl Mitauslöser der massiven Medienpräsenz.

Zur Erinnerung: Auf der Seite der Nabburger CSU war eine Umfrage geschalten: „Finden Sie, dass demokratisch gewählte Politiker das Recht haben sollten Andersdenkende aus der Stadt zu jagen?“. Ich entdeckte die Abstimmung als ich nach ein paar Infos zum Tiefgaragenbau suchte. Geschockt hat mich ja weniger die Abstimmung als solches (man ist in Nabburg ja manches gewöhnt), sondern vielmehr das Abstimmungsergebnis (279 „Nein“- zu 1091 „Ja“-Stimmen). Natürlich hab ich einen Screenshot gemacht und ein paar Leuten gezeigt und natürlich entwickelt sowas sofort eine Eigendynamik. Auf jeden Fall hab ich dann noch folgenden Leserbrief an „Der neue Tag“ geschickt, der aber nicht gedruckt wurde:

„Ist das Grundgesetz in Nabburg nichts mehr Wert?
Die Nabburger CSU stellt auf Ihrer Webseite folgende Frage: „Finden Sie, dass demokratisch gewählte Politiker das Recht haben sollten Andersdenkende aus der Stadt zu jagen?“. In meinen Augen ist die Infragestellung des deutschen Grundgesetzes schon schlimm genug, entsetzt war ich allerdings vom augenblicklichen Zwischenergebnis der Umfrage: Knapp 80% der Stimmen lauten auf „ja“. Was Herr Zeitler als Betreiber bzw. Herr Hofmann als Verantwortlicher der Webseite mit dieser Umfrage bezwecken, ist mir schleierhaft. Aber ich empfehle allen, die da mit „ja “ gestimmt haben, sich zumindest mal die Artikel 3.3 und 5.1 unseres Grundgesetzes durchzulesen und sich ein paar Gedanken dazu zu machen. Von 1933 bis 1945 hatten wir nämlich schon einmal eine Zeit, wo man wegen anderer Meinungen diskriminiert wurde.“

Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewußt, dass die Umfrage schon seit knapp 10 Monaten auf der Webseite war. Den Zusammenhang mit der früheren Aussage von Bürgermeister Fischer hatte ich nicht erkannt, wie auch, die entsprechenden Einträge waren weit nach hinten gerutscht und auf der Umfrageseite selbst war kein Hinweis. Fischer hatte seinerzeit laut CSU auf jeden Fall folgendes gesagt:

Fischer wörtlich: „Wer weiterhin versucht diese Lösung zu verhindern –
ja was soll man da sagen? Im Mittelalter hat man solche Leute aus der
Stadt gejagt!“ Er forderte: „Politiker, die nur Ängste schüren,
Entscheidungen untergraben, nur verhindern wollen und keine Alternativen
aufzeigen können, sollten ins Abseits gestellt werden.“

Mit „solche Leute“ meinte wohl die allbekannten Blockierer aus dem Stadtrat.

Zuerst brachte es das Titanic-Magazin und zeitgleich die Süddeutsche. Die Zeit und viele andere folgten. Nach den ersten Presseanrufen wurde auf der CSU-Seite schnell eine Stellungnahme nachgeschoben und auf der Umfrageseite ein Link zu einer Hintergrundstory eingebaut. Trotz des erheblichen Rummels wurde die Umfrage eine weitere Woche nicht von der Seite genommen. Bis zur Entfernung des Umfragelinks wurden rund 17500 Stimmen abgegeben und über 40 Kommentatoren gaben Ihre mehr oder weniger sachliche Meinung ab (eigentlich wurde die CSU ausschliesslich auf den Arm genommen). Am treffensten dürfte wohl der hier sein:

Sie schreiben:
„Man vergisst jedoch dabei auch auf die Hintergründe hinzuweisen.“

„Der Dicke“ schreibt:
„Aber wer so eine Frage ohne direkte, und damit mein ich unmittelbare Klarstellung auf derselben Seite bringt, kann se nimmer alle haben.“

Das war sofort auch mein Gedanke, als ich Ihre Erklärung gelesen habe.

Die Nabburger Bürger wissen, worum es geht. Aber „www“ steht für „world wide web“!

In der weiten Welt denkt man, Bayern gleich CSU plus ein paar Rote und Grüne, welche die Schwarzen ärgern. Wenn da einfach nur so diese Frage steht, dann denkt man zwangsläufig, die Schwarzen träumen davon, Andersdenkende aus der Stadt zu jagen.

Und selbst wenn man sich die Mühe macht, dem nun eingefügten Link zu folgen, weiß man noch nicht, von welcher Gruppierung denn der Bürgermeister Fischer ist. Könnte auch der CSU-Bürgermeister Fischer sein, der da in drastischen Worten gesagt hat, was er von den Gegnern der Partei und der Unterführung hält.

Die Darstellung ist unverändert verbesserungsbedürftig. Vermutlich am Besten aber: LÖSCHEN.

Zusammenfassend kann ich nur feststellen:

Fehler 1: Wer eine Umfrage mit so provozierenden Inhalt auf seiner Webseite plaziert, muß sicherstellen, dass sie auch diejenigen kapieren, die nicht mit den internen Nabburger Streitigkeiten vertraut sind. Denn merke: „www“ heißt world wide web. Irgendwann mußte es jemand entdecken und aufgreifen.

Fehler 2: Wenn das Abstimmungsergebnis so in die Hose geht, darf man es nicht 10 Monate lang auf der Webseite stehen lassen.

Ich verlinke jetzt nicht auf die zahlreichen Presseartikel, wer möchte kann selbst danach googlen.

PS: Zwar ist der Link zur Abstimmung auf der CSU-Seite entfernt, aber die Abstimmungsseite ist noch immer aktiv. Dank „einem technisch begabten Mitglied des Ortsverbands“ 😉

9 Gedanken zu „Andersdenkende“

  1. Die Abstimmungsseiote ist noch erreichbar. Megalol!

    Die lernen nichts dazu. Geil

    Aber jetzt mal im Ernst: Die Abstimmung sagt ja eigendlich nichts über das Demokratieverständnis aus. Die meisten haben sich doch einen Spaß daraus gemacht „Ja“ zu stimmen (hoffe ich)

  2. Also ich selber bin über jemanden auf die Seite gekommen, der die Seite über den Webauftritt der Titanic gefunden hat. Das würde für den „Spaß daraus“ gemacht sprechen.

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