Computerspiele(r) verstehen

Computer- oder zumindest Killerspiele sind in den Augen unserer Politiker der fast alleinige Grund für Gewalt und Amokläufe. Sieht man sich den Altersschnitt der Mitglieder im Deutschen Bundestag so an, stellt man schnell fest, dass die fast alle zu einer Zeit jung waren, als es noch gar keine Computer gab. Nun mögen Ballerspiele in den Händen von verwahrlosten Kindern durchaus im Einzelfall dazu beitragen, dass ein vorhandenes Gewaltpotential gefördert wird. Von all den Auslösern für jugendliche Gewalt, die es sonst noch gibt – ich zähle jetzt nur mal unser marodes Schulsystem, das Fernsehen, die Schützenvereine oder die Bundeswehr auf – ist die Computerspielbranche die mit der kleinsten zahlungsschwächsten Lobby. Die Richtung ist also klar vorgegeben und das nachfolgende Beispiel ist mal wieder typisch für das vorherrschende Schubladendenken.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat unter dem Titel „Computerspiele(r) verstehen“ eine Broschüre rausgebracht, die Computerlaien und wohl auch interessierten Eltern ein wenig aufzeigen sollte, wie Computerspieler so ticken und was der Reiz am Spielen ist. Anhand von Fakten und mit wissenschaftlicher Unterstützung sollten vorhandene pauschale Vorurteile relativiert werden. Natürlich passt so eine Broschüre nicht zur politischen Ausrichtung unseren Innenministeriums und so wundert es nicht weiter, dass unter fadenscheinigen Plagiatsvorwürfen gegenüber einem der Autoren gestoppt wurde.

Bei Golem findet man dann noch das hier dazu:

Außerdem werfe das seit langem für seine Anti-Gaming-Haltung bekannte Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen dem Werk vor, Risiken für Spieler zu verharmlosen. Laut Spiegel unterstellt dessen Leiter, Christian Pfeiffer, der für das Buch verantwortlichen Kölner Fachhochschule zu große Nähe zur Industrie, weil sie immer wieder von der Spieleindustrie finanziell unterstützt wurde, insbesondere von Electronic Arts. Im Interview mit Golem.de hatte Winfried Kaminski von der FH Köln im März 2008 zu dem Thema gesagt: „Der Betrag, über den wir reden, nimmt 0,005 Prozent des Hochschulbudgets ein. Das ist doch absurd. Das Geld wird von uns in den FH-Haushalt eingespeist und dort öffentlich verwaltet. Damit bezahlen wir einen Mitarbeiter.“

Als hätten führende deutsche Politiker keine Nähe zu Industrie oder Wirtschaft. Der Unterschied wird nur sein, dass die das Geld selbst einstecke.

via Thorsten

3 Gedanken zu „Computerspiele(r) verstehen“

  1. Gerade der Oberlehrer aus Hannover sollte ganz muksmäuschen still sein. Sein Institut bekommt von überall her Gelder (ein Sender aus Hamburg, eine Stiftung aus Gütersloh, ein Automobilbauer aus Wolfsburg, …) sicher sind Drittmittel (die TUn würden ohne Drittmittel-Forschung nicht funktionieren) an sich keine Schande und ein ehemaliger Innenminister hat sicher gute Kontakte, aber es zeigt die Einäugigkeit des Vorwurfs. Ferner hielt den Ansatz, den das Buch verfolgte (Langenscheidt-Sprech Elter – Gamer, Gamer – Eltern) für nicht unbedingt das falscheste. Ob tatsächlich der Plagiatsvorwurf eine reine Gesichtswahrungsnummer ist, ist natürlich eine interessante Frage. Ich denke mal, dass es eine denkbaare Aktion der Gamerszene wäre, sollte sie in Besitz einer Ausgabe kommen, die Urheber der originalen Internettexte zu kontaktieren und zu einer Verzichtserklärung ihrerseits zu bewegen. Dann würde man es sehen, ob der Grund echt war oder das unter sauberen Ganter zu verbuchen ist.

  2. Die Plagiatsvorwürfe müssen vor Gericht geprüft und bestätigt werden, abgesehen davon, daß der Herausgeber des Buches die Vorwürfe bereits bestätigt hat: Er hat falsch zitiert; wenn ein Student das in seiner Hausarbeit täte, würde er von der Uni fliegen. So fadenscheinig sind die Vorwürfe dann wohl doch nicht…

    Zudem hat der Autor die Plagiatsvorwürfe inzwischen in mehreren Interviews bestätigt und sich für seine Schlampigkeit entschuldigt, dabei auch erklärt, daß die BpB derzeit mit den Rechteinhabern verhandelt – sobald die zugestimmt haben, soll dem Buch ein Blatt mit Errata beigelegt und es wieder ausgeliefert werden.

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