Ich bin wohl scheinheilig

Dass für mich das olympische 100m Rennen eine Farce war, habe ich schon geäußert. Die Sprinter stehen seit Jahren in der Kritik und regelmäßig werden welche mit Dopingsubstanzen erwischt. Viel schlimmer ging es ja bei den Schwimmwettkämpfen zu. Offensichtlicher wie bei Herrn Phelps kann es sich ja kaum zeigen, dass irgendetwas faul ist. Acht Goldmedaillien und sieben Weltrekorde innerhalb ein paar Tagen. Damit steht jetzt der Schwimmsport an der Stelle, an der der Radsport vor ein paar Jahren war. Da dominierte jahrelang Lance Armstrong und fuhr allen davon, wie sie es nur brauchten. Der Unterschied ist nur, dass bei den Radlern die Leistungsexplosion nicht so objektiv messbar ist, wie bei den Schwimmern. Zu unterschiedlich die Strecken und Wetterbedingungen von Rennen zu Rennen. Im Schwimmsport herrschen immer gleiche Bedingungen und solche Leistungexplosionen werden wesentlich deutlicher. Und wer mir jetzt etwas von „schnellen Wasser“ oder den neuen Schwimmanzügen erzählen möchte, dem kann ich nur erwidern, dass zweiteres sich zwar auswirkt, aber doch wohl nie und nimmer in diesen Dimensionen! Meine Hoffnung ist nur, dass es in naher Zukunft geeignete Nachweisverfahren für die jetzt eingelagerten Dopingproben gibt.

Auf Zeit Online gibt es heute einen Beitrag von David Hugendick, den ich als recht sonderbar empfinde. Darin wirft er allen Dopingkritikern Scheinheiligkeit vor.

Nun verlangen Sportansager mit sonnengegerbter Haut und gebleichten Zähnen Sperren für gedopte Athleten und schwarzmalen den Untergang des Sports. Indes fordert von ihnen niemand, Zahnstand, wahre Körbchengröße, Adipositas und fettende Mischhaut demütig hinzunehmen – ansonsten würden sie gesperrt.

[…]

Solange Zuschauer, Verbände und Journalisten von Athleten immer neue Rekorde und großes Spektakel erwarten, müssen sie sich nicht wundern, wenn einer mit Spritzen, Eigenblut oder weißderteufel nachhilft. Und aufregen schon gar nicht.

Es mag schon sein, dass das Volk gerne Rekorde sieht. Trotzdem wäre das Spektakel ebenso groß, würde es ein Rennen ohne Rekord und dafür mit knapperen Ausgang geben. Wie war es denn zur Tour de France in den Jahren mit Lance Armstrong? Im Normalfall war die Entscheidung zur Halbzeit schon gefallen. Armstrong war nicht mehr einholbar und die Tour dann stinklangweilig. Dazu schwang immer die (mittlerweile bestätigten) Dopingvorwürfe mit. Jetzt haben wir einen achtfachen Olympiasieger im Schwimmen, der allen um Längen enteilt ist. Lieber Herr Hugendick, soll ich mich jetzt freuen und den bejubeln? Nein, da bin ich dann (in Ihren Augen) wohl lieber scheinheilig. Es gibt einfach Regeln, an die sich jeder zu halten hat. Und der Vergleich mit den Silikonimplantaten hinkt gewaltig. Darf ich in Zukunft auch nicht mehr fordern, dass die Polizei Autobahndrängler aus dem Verkehr zieht, weil ich irgendwann schon mal falsch geparkt habe?

5 Gedanken zu „Ich bin wohl scheinheilig“

  1. Interessant!

    Aber hast Du dir schon mal ernsthaft überlegt das ER recht haben könnte? Ich kenne über meine Kids ein paar angehende Profisportler (auch weiblich). Was die da teilweise erzählen ist eben auch nicht gerade angenehm. Kannst Du dich noch an die Prä-Mauerzeit erinnern? Frag doch mal die Sportler die damals aktiv waren wie sie die Welt so sahen. In der DDR (selbst ohne Doping) wurden die Leistungssportler umhegt und umpflegt wie Könige. In der BRD mussten unsere Sportler teilweise sogar Sozialhilfeanträge stellen um nicht zu verrecken. Die Sportler sind auch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft in der sie sich um Leistung bemühen.
    – In der Wirtschaft wendet man sich an McKinsey um künstliche (und vor allem kurzfristige) Erfolge/Kennziffern zu erzielen,
    – in der Politik ist es der persönliche Coach der die Meinung vorgibt: „Nun hacken Sie mal besser nicht mehr so viel auf den HIV’lern herum. Das mag das Publikum nicht mehr so sehr Herr Sarrazin.“,
    – in der IT werden an allen Ecken und Kanten Hintertüren und/oder sonstige Torheiten implementiert, um den Wartungsaufwand so gering wie irgend möglich zu halten, bzw. den „sicheren“ Fernzugriff zu ermöglichen (das kann ich dann zur Not auch von zu Hause flicken, wenn’s mal bockt und/oder der Chef meckert…)

    und im Sport wird eben auch „getrickst“ was das Zeug hält. Kein Mensch fragt danach wie ein Leistungssportler auch ohne Doping zu seiner überdurchschnittlichen Leistung kommt. 8 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche. Training, Training und noch mal Training. Aber bezahlen wollen wir das nicht. Da wählen wir lieber den Weg über nach Spenden bettelnde Vereine, Verbände die sich an die Hersteller von Sportartikeln verkaufen oder gar diesen Korruptionssumpf namens IOC.

    Im Prinzip sollten wir es handhaben wie Darwin es postuliert hat. Wenn sich Leistungssport (abstrakt gesehen), mit oder ohne Doping, in unserer Gesellschaft nicht mehr durchsetzen kann, sollte er von der Bildfläche verschwinden.

    Gruß

  2. Den Vergleich des Herrn H. mit Zahn- bzw. Brust- oder anderen Korrekturen finde ich mehr als hinkend. Ein Sportler wird für seine Leistung belohnt in Form von Ruhm und Geld. Und er tut so, als wäre es seine eigene, ungedopte, weil ansonsten ungültige, Leistung.
    Schönheitsoperationen dagegen sind nicht verboten und sehr viele stehen heutzutage auch dazu, daß sie Hand haben anlegen lassen.

  3. Wer meint, das Doping dazugehört, sollte dann auch so ehrlich sein, die Medallie dem entsprechenden Pharmaunternehmen zu verleihen. Mitschuld ist meiner Meinung nach auch der Medienrummel und die daraus resultierenden, teilweise total abgehobenen Geldbeträge, um die in Wirklichkeit mehr gekämpft wird als um die Medallien. Spätestens, als China Vorschriften machte, wer mit welcher Fahne einmarschiert, hätten die westlichen Medien schon aus Anstand ihre Aktivitäten auf ein Mindestmaß herunterfahren müssen – aber jeder will etwas vom Kuchen abhaben und die Chinesen diktieren freundlich lächelnd die Spielregeln.

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