Sklave gesucht

Als ich diese Stellenanzeige von Trigami über den Newsfeed reinbekam, mußte sich sofort an einen Zeit-Artikel von 2005 denken. Generation Praktikum hieß der damals und beschreibt ein Phänomen, das es seit den 90er Jahren gibt:

Früher sollten Praktikanten bloß Erfahrungen für ihr künftiges Berufsleben sammeln. Heute werden sie als billige Arbeitskräfte eingesetzt.

Eine Bekannte von mir machte bis Weihnachten ein Praktikum bei einem Regensburger Radiosender. Als Quereinsteiger (gelernte Bankkauffrau) wollte sie sich verändern und das wurde entsprechend ausgenutzt. Für einen Monatsverdienst weiter unter  Hartz-IV durfte sie teilweise 50 Stunden die Woche ackern und dazu dann noch die Wochenendveranstaltungen des Senders begleiten.

Bei Trigami sucht man die eierlegende Wollmilchsau, die alles kann, was man fürs Web 2.0 können muss. Dazu dann noch professionelle Kommunikationsfähigkeit und unternehmerisches Denken. Dafür werden Einblicke in ein wachsendes Startup und vollwertige Team-Mitgliedschaft mit grosser Verantwortung versprochen. Geben tut es dann dafür einen üblicher Praktikumslohn (nach Vereinbarung) faire Bezahlung (in Austausch gegen gute Arbeit) eben.

Wo ist nur der Anstand in der Unternehmerkultur geblieben?

7 Gedanken zu „Sklave gesucht“

  1. Das ist die Folge der weltweiten Geiz-ist-geil-Mentalität. Nach den Kunden haben die Unternehmen sie für sich entdeckt. Und solang es Leute gibt, die sich darauf einlassen, wird sich dort auch nichts ändern. Als Praktikant muß ich mir darüber im Klaren sein, dass ein Praktikum heute meist kein Sprungbrett in den Job mehr ist. Was nur heißen kann, dass entweder die Bezahlung der Arbeit angemessen ist, ober eben die Arbeit der Bezahlung. Sich den Allerwertesten aufzureißen für einen Hungerlohn geht jedenfalls gar nicht.

  2. Anstand? Hab grad nochmal mein altes Rechnungswesen-Lehrbuch durchgesehen… taucht da in keiner einzigen Bilanz auf. Auf welches Konto bucht man das?

  3. Wo ist nur der Anstand in der Unternehmerkultur geblieben?

    IMHO gibt es den Anstand schlicht nicht mehr, mindestens seit viel zu junge Burschen x.Mio in die Hand bekommen, um noch mehr Geld für andere zu verdienen. Das ist keine billige Polemik, das ist (schmerzhafte) Eigenerfahrung. Es fängt doch schon an, dass jeder Hinz seinem Laden unbedingt eine amerikanische Unternehmenskultur verordnet. Da gibt es auch keine Anstand. „hire and fire“ ist die Devise.

    Es gehören letztlich immer 2 dazu, wenn es niemanden gäbe der sich auf ein Praktikantendasein einlässt, gäbe es auch keine Angebote mehr. Aber das ist so einfach gesagt.

  4. Hallo,

    man nennt das Geschäftsmodell:

    Man nehme einen Haufen Leute die es nicht besser wissen, lasse sie möglichst preiswert für sich schuften und stecke den Ertrag dann (an der Steuer vorbei) in die eigene Tasche.

    Zum Thema:

    „Wo ist nur der Anstand in der Unternehmerkultur geblieben?“

    Unternehmen sind Körperschaften. Eine Körperschaft ist physikalisch nicht existent. Sie wird jedoch von Etwas, zu Etwas genutzt. Ergo sind Unternehmen das Spiegelbild der Gesellschaft in der sie betrieben werden…

    Gruß

  5. Joa, das kennt man ja… habe mal ein Praktikum in einer Werbeagentur gemacht – 5 Wochen Vollzeit (9h Tag, ohne Pause); was hab ich dafür bekommen? Nichtmal nen Händedruck; aber sehr wohl ein „jederzeit gerne wieder“. Ohne mich.

    Sowas darf einfach nicht sein… warum gibts keine Gesetze dafür. Als ob man als Praktikant nur rumsitzt, Däumchen dreht, nix tut und nix kann. Das ist totaler Unfug.

  6. 100% meine Meinung, guter Artikel!

    Freut mich zu sehen das ich nicht der einzige bin der diesen Eindruck bei den Trigami Stellenanzeigen gewinnt.

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