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Reicht ein wenig Gerede?

Neulich habe ich ja schonmal über H&M geschrieben. Jetzt wo öffentlich wurde, was wohl jeder schon über KiK und Lidl geahnt hatte, gab es bei Maybritt Illner eine Talkshow zu dem Thema Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und Konsumkrise.

Viel harte Arbeit für wenig Geld. Suma Sarker, Näherin aus Bangladesh, arbeitet sieben Tage die Woche von acht Uhr morgens bis 22 Uhr abends – für 29 Euro im Monat, erzählte sie bei Maybrit Illner. Auch Shahida Sarker, Chefin von Bangladeschs Textilarbeitergewerkschaft NGFW, schilderte eindrücklich die Lebens- und Arbeitsbedingugen in Bangladesch.

Ich habe die Sendung leider nicht gesehen, aber ich werde es wohl noch nachholen. Jochen hat die Sendung gesehen und vorallem die Aussagen von Hans Rudolf Wöhrl kritisiert er recht drastisch.

Eigentlich müsste ich ja auch vor dem Fernseher sitzen und mir den Rest der Sendung geben, doch der scheinheilige Auftritt von Rudolf Wöhrl hat mir derart die Galle in die Augen getrieben, dass ich mal doch lieber schreibe, bevor ich platze. Laut Herrn Wöhrl sind es mal wieder Politik und Konsument, die den Karren aus dem Dreck ziehen sollen, der Handel kann das natürlich nicht leisten. Dieser brillianten Analyse stellt der Mann auch gleich seine noch brillianteren Rechenkünste entgegen: den doppelten Preis würden faire Produkte im Handel dann kosten und dazu ist der Konsument eben nicht bereit. Aha! Wenn die Näherin in der Konfektion also 10 Cent pro Hose mehr bekommt, steigt der Preis einer Hose bei Wöhrl demnach von 100 auf 200 Euro. Kein Wunder, dass der Mensch so reich geworden ist… bei dieser Margenerwartung.

Den Rest von seinem lesenswerten Beitrag gibt es hier:
Sweatshopproduktion Thema bei Maybrit Illner – aber ist das genug?

Alles Bio oder was?

Früher war alles so einfach. Viele hatten einen eigenen Garten mit Gemüsebeet, wo sie selbst Kartoffel, Rüben, Radieschen und Co. anpflanzten. So mancher hielt sich dazu noch ein paar Enten, Gänse oder Hasen, die dann im Herbst geschlachtet wurden. Gut kann ich mich noch an die Wildenten erinnern, die wir zu Hause immer hatten. Dann wurde die Landwirtschaft immer mehr industrialisiert, ein Supermarkt nach dem anderen machte auf, Lebensmittel wurden immer billiger und immer weniger Menschen bauten selbst Gemüse an oder züchteten Getier. Dazu mußten immer mehr kleine Bauern Ihren Hof aufgeben, er war einfach zu unrentabel geworden. Nur noch die großen Landwirtschaften mit Massentierhaltung oder großen Feldern machten richtig Kohle. Das führte dann zur erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlinge, es wurden mehr Medikamente verabreicht und Felder gespritzt.

Eine Hand voll ökologisch angehauchten Menschen erkannte aber rechtzeitig, dass das der falsche Weg war und versuchten einen anderen Weg zu gehen. Es gab plötzlich diverse grüne Parteien und mit Bioland und demeter wurden Verbände gegründet, die mit ihren Siegeln zuverlässig für hohe biologische Qualität stehen. Zu Wackersdorfer Zeiten erlebte die Ökowelle ihren ersten Boom. Man kleidete sich entsprechend und die Schuhe von Birkenstock wurden zum Markenzeichen der Szene. Lange Zeit wurden die Ökos als Spinnerte angesehen. Ein Umdenken kam nur nach und nach in den Köpfen der Menschen an, bis dann irgendwann sogar eine grüne Partei an der Regierung beteiligt war.

Dank dem Bloggertreffen und dem damit verbunden Presseausweis für die BioFach konnte ich mir am Freitag ein Bild davon machen, wie die Bioszene heute aussieht. Zwar gibt es noch immer ein paar Birkenstockträger mit langen Haaren, aber der Anzug ist nun auch hier angekommen und wird vom Großteil getragen. Von den Idealisten ist nicht mehr viel übrig geblieben. Bei vielen, die Bio für sich entdeckt haben, zählt nur das Geschäft. Jeder, der das EU-Bio-Siegel hat, kann sich auf der Messe feiern und tut es auch ausgiebig. Sicherlich sind diese Lebensmittel gesünder als konvetionell produzierte. Ganz wohl ist mir aber nicht bei der Sache. Für mich gehören biologisch, ökologisch und nachhaltig zusammen. Das Ziel sollte eine biologische Erzeugung von Nahrung sein, die ohne große Transportwege beim Verbraucher ankommt. Im Idealfall kauft der Kunde seine Waren frisch im Hofladen ein. Wenn ich nun auf der Messe sehe, dass da Chinesen und Chilenen ausstellen und in den deutschen Markt wollen, bin ich recht skeptisch. Klar haben deren Produkte auch das Bio-Siegel, mal angenommen, die Vorgaben werden auch wirklich eingehalten. Wenn dann aber eine wochenlange Reise rund um die Welt folgt, wird das wohl nicht mehr so recht ökologisch sein. Bei Bionade am Stand war die Hölle los. Die Umsatzzahlen steigen ständig und die Produktionsgrundsätze sind vorbildlich. Aber ist es der richtige Weg, jetzt auch nach Japan und in die USA zu liefern? Ich habe ehrlich gesagt schon gewaltige Zweifel, warum man Mineralwasser aus Volvic oder aus San Pellegrino nach Bayern fahren muss. Aber Limonade um die ganze Welt zu transportieren macht für mich wirklich keinen Sinn.

Die EG-Öko-Verordnung bezieht sich nur auf die Herstellung der Biolebensmittel. Die Nachhaltigkeit wird hier gar nicht berücksichtigt. Dazu kommt dann für den Produzenten noch die Kosten der Zertifizierung, die sich für so manchen kleinen Bauern nicht rentiert. Mein Schwiegervater hat seit 15 Jahren einen eigenen Hof, den er als Hobby betreibt. 15-20 Stück Vieh in Mutterkuhhaltung laufen seitdem ständig auf der Wiese herum und wachsen ohne Kraftfutter auf. Alle sechs Wochen wird dann bei einem Metzger in der Nähe geschlachtet und das qualitativ sehr hochwertige Fleisch direkt vermarktet. Klar könnte er sich zertifizieren lassen, aber das würde sich nie lohnen.

Beim Bloggertreffen hat mir Herwig erzählt, dass für ihn eine Zertifizierung kaum möglich ist. Für eine Bio-Zertifizierung würde er FSC-zertifiziertes Holz brauchen. Nun gibt es aber in Bayern gerade mal 8 Forstbetriebe, die FSC-Holz liefern können. Natürlich ist davon keiner im Umkreis seiner Werkstatt. Seine Schreinerei arbeitet bekannterweise nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit und verwendet daher nur Holz aus der direkten Umgebung.

Auf was ich raus möchte: Die zertifizierten Produktel garantieren ein gewisses Maß an höherer Lebensmittelqualität. Oft steckt dahinter aber kein sonderlich ökologisches Konzept. Da macht es nach wie vor mehr Sinn, sich seinen Bauern, Metzger oder Müller des Vertrauens in der Nähe zu suchen. Auf dem Land gibt es die noch und sie sind es wert, unterstützt zu werden.