Was wirklich wichtig ist

Was ist diese Tage wirklich wichtig? In Afghanistan kommen drei bayerische Soldaten ums Leben. Naja, unserer Heimatzeitung war das ne Seite wert, in den überregionalen Medien hört man davon aber nur beiläufig. Gabs ja schon mehrmals. In Lybien geht das Volk auf die Straße und wird zum Hunderten erschossen. Gähn, ist ja schon das dritte Land, wo es einen Aufstand gegen das führende Regime gibt. Und Urlaub kann man da doch auch nicht machen, oder?

Nein, wirklich wichtig ist, ob die Doktorarbeit eines Ministers abgeschrieben ist oder nicht. Ich bin ganz bestimmt kein Freund vom Guttenberg, doch was da derzeit abgeht, ist so widerlich, dass einem schlecht werden könnte. Ich möchte mal behaupten, dass 90 Prozent der deutschen Bevölkerung das Thema am Allerwertesten vorbeigeht, doch die Medien machen das Thema zum Großpolitikum. Und während sich in der CDU alle Neider heimlich die Hände reiben, dass dem Emporkömmling mal ein wenig die Federn gerupft werden, macht sich die SPD gerade so lächerlich, dass alles zu spät ist. Statt dass man sich für den faulen Hartz IV Kompromiss schämt, macht man auf dicke Hose und fordert ein aktuelle Stunde im Bundestag zu den Plagiatsvorwürfen.

Sagt mal, habt Ihr nichts Wichtigeres zu tun? Und wehe es beschwert sich jetzt nochmal einer, das Volk wäre politikverdrossen.

4 Gedanken zu „Was wirklich wichtig ist“

  1. Zu diesem Thema gabs nen guten Kommentar in der WElt:
    „Das führt zur Frage, ob es denn nichts Wichtigeres gibt als Fußnotenschwindel und akademische Unehrlichkeit. Selbstverständlich gibt es Wichtigeres. Es gibt auch Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, das Heraustelefonieren von Lustmädchen aus Untersuchungsgefängnissen durch Ministerpräsidenten, Vulgarität und was nicht noch alles. Soll man darum nicht mehr sagen dürfen, worum es sich handelt? Hier um Täuschung großen Stils, um Unehrlichkeit also. Wer die toten Soldaten in Afghanistan oder die Bundeswehrreform aufbietet, um den Verdacht einer Täuschung mit anschließender Lüge als Petitesse darzustellen, sollte sich mit Vorwürfen, das Plagiat werde politisch instrumentalisiert, zurückhalten. Der Bundestagsabgeordnete Lauterbach (SPD) hat es richtig gesagt: Man kann das Prüfen an den Universitäten einstellen, wenn das Argument, es gebe Wichtigeres, Schule macht. Ein solches Argument ist sogar geeignet, dem Rechtsstaat in die Kniekehlen zu treten.“

    http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EFD4...

  2. Es steht doch außer Frage, dass Hr. ehemals Dr. zu Guttenberg zurücktreten muss. Wer eine Doktor Arbeit im großen Stile eins zu eins abschreibt (http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki).
    Bei den ersten Vorwürfen behauptet Hr. zu Guttenberg es sei alles nicht so schlimm und er habe von seinen über 1000 Fußnoten die ein oder andere vergessen. Als dann der Druck gestiegen ist hat Hr. zu Guttenberg angeboten seinen Doktortitel ruhen zu lassen bis die Vorwürfe geklärt wären. Nach diesem Wochenende gibt er seinen Doktortitel zurück und glaubt damit wäre alles in Ordnung.
    Falls ich mal einen Bankausrauben sollte und danach dann erwischt werde, gebe ich einfach das Geld zurück entschuldige mich in einer Pressekonferenz für mein damaligen Fehltritt und dann ist wieder alles in Ordnung?
    In der Kundus Affäre war die Aussagen von Hr. zu Guttenberg auch Unterschiedlich zu den Aussagen von Hr. Wichert und Hr. Schneiderhan. Damals roch es schon stark nach der Unwahrheit.
    Als Verteidigungsminister soll er den Rechtsstaat und die Demokratie verteidigen. Wie Glaubwürdig kann man nach so einer Dissertation überhaupt noch sein?
    Auf der Webseite von Hr. zu Guttenberg ist zu lesen: „Verantwortung bedeutet vor allem Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen“

    Na dann – Prost Mahlzeit
    Vincent

  3. @Vincent: Dass Dein Vergleich hinkt, weißt Du wohl selbst. Bankraub ist eine Straftat, bei der jemand geschädigt wird. Geschädigt wurden vielleicht die ursprünglichen Autoren, die nicht als Quelle genannt wurden. Dafür gibt es dann Abmahnungen. Die gestellten Anzeigen werden wohl hoffentlich wegen Belanglosigkeit eingestellt. Ob Guttenberg einen Doktortitel hat oder nicht, ist wohl 99% der Bevölkerung egal. Doktortiel sind imho Überbleibsel aus einer Zeit, als sich der Geldadel und Akademiker noch auf eine Stufe mit dem normalen Adel stellen wollten. Alles irgendwie altertümlich.

    Ich bin bestimmt kein Fan vom Guttenberg, aber als einer der wenigen Politiker bewegt er was. Schau Dir nur die HartzIV-Debatte der letzten Wochen an. Das ist ein Armutszeugnis schlechthin für die Politik in Deutschland. Egal ob Merkel, Steinmeier, Westerwelle oder Gabriel. Bei allen kommt nur viel heiße Luft, aber kaum Taten raus. Überleg mal nur, wieviele Jahre die Diskussion um die Abschaffung der Wehrpflicht schon geht. Guttenberg hats durchgebracht. Mir sind auf jeden Fall solche Politiker lieber, die was bewegen und dabei auch Fehler machen, als die gerade genannten Zauderer.

    Die ganze Diskussion ist eine so durchsichtige Stuhlsägeaktion, dass mir übel wird. Kann mir keiner erzählen, dass es hier irgendjemanden um die Sache geht. Die einzige Motivation für die Aufdeckung dieses „Skandals“ ist es, einen politischen Gegner auszuschalten.

    „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ (Johannes Kapitel 8)

  4. Zunächst mal: Ich bin nicht dafür, dass Guttenberg zurücktritt. Zur Bewertung eines Politikers gehört mehr, als nur eine einzelne Episode aus seinem Leben.

    Aber mich hat diese Diskussion immer mehr angenervt.
    1.) Es gibt sehr wohl Geschädigte. Frag mal die Doktoranden der Uni Bayreuth. Was die wohl von Personalern zu hören kriegen? Oder frag mal die Professoren derselben Uni und v.a. seinen Doktorvater. Der hat unzweifelhaft den Fehler gemacht die Dissertation nicht genau zu kontrollieren. Dennoch ist seine ganze Lebensleistung jetzt mehr oder weniger vergessen, weil er ein paar Tage lang zu gutgläubig war.

    2.) Die gestellten Anzeigen wegen Belandlosigkeit einstellen? Sry, aber entweder man stellt Regeln und Gesetze auf und dann gelten sie für alle, oder man läßt es. Und zum Thema Belanglosigkeiten nur mal ein Link:
    http://www.lz-online.de/lokales/kreis_lippe/4254336_Parallelen_zu...

    Und was das Bundesverwaltungsgericht dazu sagt, wenn Guttenbergs Untergebene dasselbe machen wie er:
    http://www.lawblog.de/index.php/archives/2011/02/25/zuverlassigke...

    >>>Die ganze Diskussion ist eine so durchsichtige Stuhlsägeaktion, dass mir übel wird. Kann mir keiner erzählen, dass es hier irgendjemanden um die Sache geht.<<<
    Doch es geht verdammt Vielen um die Sache. Nicht im Politikbetrieb, aber wer glaubst Du macht das Guttenplag Wiki?
    Wer abschreibt, riskiert nicht nur die Exmatrikulation, sondern auch Geldstrafen bis hin zur Nichteinstellung in den öffentlichen Dienst wg. Vorstrafe! Wie zitiert wird, warum v.a. bei Textbasierten Wissenschaften genaues zitieren unerlässlich ist, das wird einem von Anfang an eingebläut. Was Guttenberg da gemacht hat, das läßt sich mit fehlerhaften Verhalten nicht mehr erklären. Und genau deswegen sind soviele Doktoranden und Professoren stinksauer, zum einen auf zu Guttenberg, zum anderen auf die Verharmlosung des Abschreibens, wie sei bei vielen Unterstützern zutage tritt.

    3.) Nein, Doktortitel sind nicht überholt, sondern der Nachweis einer eigenständigen, wissenschaftlichen Leistung und für das Wissenschaftssystem ein wichtiger Indikator, wie gut jemand ist (um es mal kurz und salopp zu formulieren). Dass der Doktortitel gerne auch gemacht wird um die Karriere zu beschleunigen, das kann man kritisieren. Allerdings sollte man doch bedenken, dass jemand der über Jahre hinweg an einem Thema (vlt noch nebenbei) arbeitet, mit dem Doktortitel auch bestimmte Fähigkeiten nachweist, unabhängig davon was er genau gemacht hat: Selbstdisziplin über einen längeren Zeitraum hinweg, Zielstrebigkeit, Fleiß und nicht zuletzt intellektuelle Fähigkeiten. Das ist der tiefere Sinn des Doktortitels ausserhalb der Wissenschaft.

    Weißt Du, mir ist es egal, ob Guttenberg bleibt oder zurücktritt. Wenn er seinen eigenen moralischen Ansprüchen gerecht werden wollte, würde er zurücktreten. Wenn er diesselben Regeln an sich an setzt, wie seine Institution (Bundeswehr) an ihren Führungsnachwuchs, dann würde er auch zurücktreten.
    Aber diese ganzen Widersprüche sind nicht meine Probleme sondern die des Freiherrn.

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